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Die Erinnerungen des niederländischen Zwangsarbeiters Karel Hobo als historische Quelle: Alltag, Zwangsarbeit und Überlebensstrategien in Südostbayern während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs

Cover von "Extracts from a Diary During the Final Days of World War II"

Die Geschichte der Zwangsarbeit gehört zu den dunkelsten Kapiteln der nationalsozialistischen Herrschaft. Zwischen 1939 und 1945 wurden mehr als 13 Millionen Menschen aus den von Deutschland besetzten Ländern verschleppt und zur Arbeit im Deutschen Reich gezwungen.[1] Die überlieferten Erinnerungen des niederländischen Zwangsarbeiters Karel Hobo stellen eine besonders wertvolle historische Quelle dar. Sie vermitteln nicht nur einen authentischen Einblick in die Lebenswirklichkeit eines jungen Menschen während der letzten Kriegsmonate, sondern erlauben zugleich eine differenzierte Betrachtung der Lebensbedingungen von Zwangsarbeitern in Oberbayern, insbesondere in Dachau, Rosenheim und Bad Endorf.

Karel Hobo wurde im September 1928 in Rotterdam geboren.[2] Während der deutschen Besatzung verschlechterten sich die Lebensbedingungen in den Niederlanden kontinuierlich. Lebensmittel wurden knapp, die Versorgung der Bevölkerung brach zunehmend zusammen und der sogenannte Hungerwinter 1944/45 führte zu einer dramatischen Notlage. Als die Wehrmacht immer größere Personalverluste erlitt, griff die deutsche Besatzungsmacht verstärkt auf Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten zurück. Im Januar 1945 wurde der erst sechzehnjährige Hobo bei einer Straßenrazzia festgenommen und zum Arbeitseinsatz nach Deutschland verschleppt. Sein Vater war bereits zuvor deportiert worden, sodass der Jugendliche bis zu seiner Verhaftung als Ernährer seiner Familie fungiert hatte. Diese persönlichen Schilderungen verdeutlichen eindrucksvoll die existenzielle Bedrohung, der viele niederländische Familien während der Besatzungszeit ausgesetzt waren. 

Der junge Karel Hobo auf dem Cover von “Extracts from a Diary During the Final Days of World War II”. In diesem 2013 im Eigenverlag veröffentlichten Buch schilderte Hobo seine Erfahrungen als Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg.

Von besonderem Quellenwert ist Hobos Entscheidung, seine Erlebnisse von Beginn an in einem Tagebuch festzuhalten. Anders als spätere Erinnerungsberichte entstand dieses Dokument unmittelbar während der Ereignisse. Dadurch vermittelt es nicht nur Fakten, sondern auch die unmittelbaren Gefühle von Angst, Hoffnung, Unsicherheit und gelegentlicher Zuversicht. Gerade diese Unmittelbarkeit macht das Tagebuch zu einer bedeutenden historischen Quelle.

Bereits der Transport nach Deutschland verdeutlicht die menschenverachtenden Bedingungen der Zwangsarbeit. Gemeinsam mit zahlreichen anderen jungen Männern wurde Hobo in ungeheizten Viehwaggons transportiert. Mehrere Tage dauerte die Fahrt bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Nahrung war kaum vorhanden, hygienische Einrichtungen fehlten vollständig, zahlreiche Mitgefangene erlitten Erfrierungen oder starben bereits während des Transports. Die Schilderungen zeigen eindrucksvoll, dass bereits die Deportation selbst Bestandteil der systematischen Entwürdigung der Betroffenen war.[3] 

Nach der Ankunft gelangte Hobo zunächst in das Durchgangslager Dachau. Obwohl er dort nicht im Konzentrationslager selbst untergebracht war, wurde ihm rasch bewusst, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft ein Ort des nationalsozialistischen Terrors befand. Die Überbelegung der Unterkünfte, die mangelhafte Ernährung, fehlende Hygiene sowie Krankheiten bestimmten den Alltag. Besonders eindrücklich beschreibt Hobo den ständigen Hunger, das Gedränge in den Baracken und den Kampf um einen Schlafplatz. Seine Beobachtungen verdeutlichen, dass bereits das Durchgangslager darauf ausgerichtet war, Menschen unter schwierigsten Bedingungen arbeitsfähig zu halten, ohne Rücksicht auf ihre körperliche oder seelische Verfassung. 

Einblick in das Original-Tagebuch von Karel Hobo, das heute im Stadtarchiv Rosenheim verwahrt wird (Signatur: NL HOB 1). Hier zu sehen ist der Eintrag vom 18. April 1945, an dem einer der schwersten Luftangriffe auf Rosenheim stattfand.

Gleichzeitig zeigen die Erinnerungen bemerkenswerte Strategien des Überlebens. Gemeinsam mit seinem Freund Tjeerd gelang es Hobo wiederholt, das Lager unerlaubt zu verlassen und in Dachau Lebensmittel zu beschaffen. Diese Episoden dokumentieren nicht nur den allgegenwärtigen Hunger, sondern auch die Bedeutung persönlicher Initiative, gegenseitiger Solidarität und improvisierter Lösungen. Überraschend ist dabei die differenzierte Darstellung deutscher Zivilisten. Hobo berichtet von einer Kellnerin, einem Bäcker und mehreren älteren Frauen, die den jungen Niederländern mit Verständnis begegneten und ihnen sogar halfen. Gerade diese Beobachtungen machen das Tagebuch zu einer außergewöhnlich differenzierten Quelle, weil sie weder pauschal verurteilt noch idealisiert, sondern individuelle Handlungsspielräume sichtbar macht. 

Besonders bedeutsam für die regionale Zeitgeschichte sind schließlich Hobos Schilderungen seiner Verlegung nach Bad Endorf und Rosenheim. Dort arbeitete er für die Deutsche Reichsbahn und erhielt – ungewöhnlich für viele Zwangsarbeiter – einen geringen Lohn sowie Lebensmittelmarken. Die Arbeitsbedingungen blieben zwar von Zwang geprägt, unterschieden sich jedoch deutlich von jenen im Durchgangslager. Seine Tätigkeit bestand hauptsächlich in der Wartung der Schlusslichter an Eisenbahnzügen. Gleichzeitig lernte er zahlreiche Mitarbeiter der Bahn sowie Beschäftigte der Bahnhofsgaststätte kennen, mit denen sich im Laufe der Zeit vertrauensvolle Beziehungen entwickelten. Diese Erfahrungen zeigen, dass sich die Lebensrealität von Zwangsarbeitern regional und organisatorisch erheblich unterscheiden konnte und nicht auf ein einheitliches Muster reduziert werden darf.

Die Verlegung nach Bad Endorf und Rosenheim markierte für Karel Hobo einen neuen Abschnitt innerhalb seiner Zwangsarbeitserfahrung. Die tägliche Bahnfahrt zwischen Unterkunft und Arbeitsplatz sowie die Tätigkeit im Bahnbetriebsdienst verliehen dem Alltag eine gewisse Regelmäßigkeit. Dennoch blieb die Situation von Unsicherheit und Abhängigkeit geprägt. Hobo schildert eindrucksvoll, wie sich trotz der bestehenden Zwangssituation allmählich menschliche Kontakte zu deutschen Eisenbahnern, Gaststättenmitarbeitern und Handwerkern entwickelten. Diese Begegnungen führten dazu, dass sich sein ursprünglich ausschließlich von Feindbildern geprägtes Weltbild differenzierte. Er beschreibt ausdrücklich, dass er die Menschen, denen er begegnete, zunehmend nicht mehr als „die Deutschen“, sondern als einzelne Persönlichkeiten wahrnahm. Diese Beobachtung ist aus historischer Sicht von besonderer Bedeutung, weil sie zeigt, dass individuelle Menschlichkeit selbst innerhalb eines verbrecherischen Herrschaftssystems möglich blieb. 

Der Rosenheimer Bahnhof im Mai 1945 – zerstört infolge von alliierten Luftangriffen. Stadtarchiv Rosenheim, F 20748.

Einen breiten Raum nehmen in Hobos Erinnerungen die alliierten Luftangriffe auf Rosenheim[4] ein. Aufgrund seiner Tätigkeit bei der Deutschen Reichsbahn befand er sich häufig unmittelbar im Zielgebiet der Bombardierungen. Seine Schilderungen vermitteln eindrucksvoll die Perspektive eines unmittelbar Betroffenen. Sirenenalarm, die Flucht in provisorische Schutzräume sowie Tieffliegerangriffe auf Eisenbahnzüge bestimmten den Alltag. Besonders eindrucksvoll beschreibt Hobo die psychische Belastung während der Bombardierungen, den ohrenbetäubenden Lärm der Explosionen und das Gefühl völliger Hilflosigkeit gegenüber den Angriffen. Seine Beobachtungen ergänzen die bekannten militärhistorischen Darstellungen durch die Perspektive eines zivilen Zeitzeugen und dokumentieren eindrucksvoll die Auswirkungen des Luftkrieges auf die Bevölkerung Südostbayerns. 

Auch gesundheitliche Probleme prägten seinen Alltag. Die schlechten hygienischen Bedingungen in den Unterkünften führten zu Krankheiten und Hautinfektionen. Dennoch zeigen seine Erinnerungen, dass einzelne Ärzte sowie Beschäftigte der Bahnhofsgaststätte bemüht waren, ihm zu helfen. Besonders die wiederholte Unterstützung durch die Mitarbeiterinnen der Bahnhofskantine verdeutlicht, welche Bedeutung kleine Gesten der Menschlichkeit unter den Bedingungen des Krieges besitzen konnten. Solche persönlichen Begegnungen bilden einen wichtigen Gegenpol zu den Erfahrungen von Gewalt, Hunger und Zwang und verhindern eine undifferenzierte Betrachtung der damaligen Lebenswirklichkeit. 

Aus quellenkritischer Sicht besitzt Hobos Tagebuch einen außergewöhnlichen Stellenwert. Da die Aufzeichnungen unmittelbar während der Ereignisse entstanden, spiegeln sie die Wahrnehmung eines Jugendlichen ohne den Einfluss späterer Deutungen oder Erinnerungsveränderungen wider. Gleichzeitig bleibt zu berücksichtigen, dass es sich um eine subjektive Quelle handelt. Persönliche Eindrücke, Gefühle und Bewertungen stehen naturgemäß im Vordergrund. Gerade diese Subjektivität macht jedoch den besonderen historischen Wert aus. Das Tagebuch vermittelt keine abstrakte Geschichte der Zwangsarbeit, sondern macht erfahrbar, wie ein einzelner Mensch Hunger, Angst, Freundschaft, Hoffnung und Überlebenswillen wahrnahm.

Für die Regionalgeschichte Rosenheims kommt den Erinnerungen besondere Bedeutung zu. Sie dokumentieren den Alltag der Reichsbahn während der letzten Kriegsmonate, die Auswirkungen der Luftangriffe auf den Bahnknoten Rosenheim sowie den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte im Eisenbahnbetrieb. Gleichzeitig eröffnen sie Einblicke in das Verhältnis zwischen deutschen Zivilisten und ausländischen Zwangsarbeitern, das wesentlich vielschichtiger erscheint, als es vereinfachende Darstellungen häufig vermuten lassen. Damit ergänzt Hobos Bericht die amtlichen Überlieferungen um eine menschliche Perspektive und trägt wesentlich zum Verständnis der lokalen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte bei.

Darüber hinaus verdeutlicht das Tagebuch die Bedeutung persönlicher Erinnerungen für die heutige Geschichtswissenschaft. Während amtliche Akten vor allem Verwaltungsabläufe dokumentieren, machen Ego-Dokumente individuelle Erfahrungen sichtbar. Sie ermöglichen Aussagen über Emotionen, Alltagsbewältigung, soziale Beziehungen und moralische Entscheidungen, die in offiziellen Quellen meist nicht überliefert sind. Gerade deshalb stellen Tagebücher wie das von Karel Hobo unverzichtbare Bausteine einer modernen Erinnerungskultur dar.[5]

Karel Hobo mit seinen Töchtern Julia und Irena, Ende 2024. Auf dieser Aufnahme hielt er sein Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg zum letzten Mal in Händen, bevor es als Schenkung ans Stadtarchiv Rosenheim ging. Foto: Julia Dolan

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Aufzeichnungen Karel Hobos weit über einen persönlichen Erlebnisbericht hinausgehen. Sie dokumentieren exemplarisch die Erfahrungen eines jungen niederländischen Zwangsarbeiters während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs und vermitteln zugleich ein differenziertes Bild der Lebenswirklichkeit in Dachau, Bad Endorf und Rosenheim. Das Tagebuch verbindet individuelle Erinnerung mit regionaler Geschichte und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der nationalsozialistischen Zwangsarbeit. Es erinnert eindringlich daran, dass historische Ereignisse stets das Schicksal einzelner Menschen betreffen und dass Humanität, Solidarität und Mitgefühl selbst unter den extremen Bedingungen von Krieg und Diktatur ihren Platz behaupten können. Gerade deshalb besitzt dieses Zeitzeugnis bis heute eine hohe historische und gesellschaftliche Relevanz.

Die wichtigsten Lebensdaten von Karel Hobo im Überblick:

  • Geboren wurde er am 11. September 1928 in Rotterdam.
  • Im Alter von 16 Jahren wurde Karel Hobo im Januar 1945 von der Gestapo zusammen mit weiteren Niederländern verhaftet und in einem Viehwaggon nach Süddeutschland transportiert.
  • Nach Stationen in Ingolstadt, München und Dachau kam er im Februar 1945 nach Rosenheim und musste dort als Zwangsarbeiter bei der Reichsbahn arbeiten.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte Karel Hobo nach Neuseeland.
  • Im Jahr 2024, übergab Karel Hobo das Original seines Kriegstagebuchs dauerhaft an das Stadtarchiv Rosenheim. Seine Töchter Julia und Irena unterstützten die Übergabe.[6]
  • Am 9. April 2026 ist Karel Hobo im Alter von 97 Jahren in Neuseeland verstorben.[7]
  • Zu seinem Gedenken wurde 2024 am Rosenheimer Bahnhof ein Gedenkzeichen angebracht.[8]
Der Autor bei der Veranstaltung anlässlich der Anbringung des Gedenkzeichens für Karel Hobo am Rosenheimer Bahnhof, 27.09.2024. Foto: Attila Riemann, mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Rosenheim.

[1] Zur Geschichte der NS-Zwangsarbeit siehe Mark Spoerer: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa, 1939–1945. Stuttgart / München: Deutsche Verlags-Anstalt (2001).

[2] Die nachfolgende Darstellung der Biografie von Karel Hobo basiert auf der deutschsprachigen Zusammenfassung seines Tagebuchs, die von Elvira Bibel-Neu gefertigt wurde und heute im Stadtarchiv Rosenheim unter der Signatur HVR 141 aufbewahrt wird.

[3] Henning Borggräfe und Akim Jah (Hg.): Deportations in the Nazi Era. Sources and Research. Berlin: De Gruyter (2023). Online verfügbar unter https://www.degruyterbrill.com/isbn/9783110746464.

[4] Luftschutz und Luftangriffe. Online verfügbar unter https://www.stadtarchiv.de/stadtgeschichte/rosenheim-im-20-jahrhundert/1940-1949/luftschutz-und-luftangriffe/.

[5] Janosch Steuwer und Rüdiger Graf (Hg.): Selbstreflexionen und Weltdeutungen. Tagebücher in der Geschichte und der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein Verlag (2015).

[6] Stadtarchiv erhält Originaltagebuch von Karel Hobo. In: Oberbayerisches Volksblatt (28.12.2024).

[7] Stadt Rosenheim trauert um Zeitzeugen Karel Hobo. Online verfügbar unter https://www.rosenheim.de/pressemitteilungen/stadt-rosenheim-trauert-um-zeitzeugen-karel-hobo/.

[8] Karin Wunsam: Drei weitere Gedenkzeichen für NS-Verfolge in Rosenheim. Online verfügbar unter https://innpuls.me/drei-weitere-gedenkzeichen-fuer-ns-verfolge-in-rosenheim/.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Karl-Heinz Brauner (23. Juli 2026). Die Erinnerungen des niederländischen Zwangsarbeiters Karel Hobo als historische Quelle: Alltag, Zwangsarbeit und Überlebensstrategien in Südostbayern während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs. Rosenheimer Miszellen. Abgerufen am 8. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16m3u


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