Der Blick von oben: Zur Entstehung und Überlieferung historischer Luftbilder

Luftbilder zählen zu jenen historischen Quellen, die man mitunter als vergleichsweise objektive Zeugnisse der Vergangenheit wahrnehmen könnte. Aus der Vogelperspektive zeigen sie Momentaufnahmen von Städten und Landschaften. Sie machen auf einen Blick Veränderungen sichtbar, die sich bei der Betrachtung einzelner schriftlicher Quellen nur bedingt nachvollziehen lassen: Neue Straßen entstehen, Siedlungen wachsen, Gebäude verschwinden, Flüsse werden begradigt, bislang unbebaute Flächen werden erschlossen – und im Zusammenspiel all dieser Faktoren ändern sich Lebensräume. Gerade für die Stadt- und Regionalgeschichte besitzen Luftaufnahmen einen besonderen Quellenwert.

Tatsächlich ist aber ein Luftbild, wie jede historische Quelle, kritisch zu betrachten. Es ist gleichermaßen das Ergebnis äußerer Bedingungen und subjektiver Entscheidungen: Wo wird geflogen? In welcher Höhe und aus welcher Perspektive wird fotografiert? Welche Motive erscheinen im Moment der Aufnahme interessant, welche bleiben außerhalb des Bildes? Hinzu kommen unter anderem Wetterverhältnisse, technische Gegebenheiten sowie nicht zuletzt die individuelle Wahrnehmung der Person, die die Aufnahme anfertigt.[1]
Wer Luftbilder als historische Quellen nutzt, sollte deshalb nicht nur danach fragen, was auf ihnen zu erkennen ist, sondern auch danach, wie die Bilder entstanden sind. Einen exemplarischen Einblick in diese Praxis gibt im Folgenden Alfred Schellmoser, der über viele Jahre mit einem Ultraleichtflugzeug über Rosenheim und Umgebung flog und dabei zahlreiche Luftbilder anfertigte.
Alfred Schellmoser: „Wie mein Traum vom Fliegen Wirklichkeit wurde“
Der Traum vom Fliegen hat mich schon früh erfasst und mich durchs ganze Leben begleitet. Als Kind baute ich kleine Gleiter aus Balsaholz. Diese wurden größer, und mit dünnen Gummischnüren konnte ich sie hoch in die Luft katapultieren. Ich genoss es, wenn sie langsam in großen Kreisen flogen und auf der Wiese landeten.
Die erste große Steigerung war eine Fernsteuerung, mit der meine Flugmodelle über Funk mit mir verbunden waren und ich tolle Flugfiguren fliegen konnte. So ging es einige Jahre mit steigenden Modellgrößen, Benzin- und Elektromotoren, und auch motorloses Fliegen am Berghang im warmen Aufwind war möglich.
Meine Flugbegeisterung steigerte sich noch, als immer mehr Berichte vom Drachenfliegen veröffentlicht wurden. Anfangs waren es tollkühne Flieger, die auf Skiern und mit einem Drachen am Berghang losfuhren, schon nach wenigen Metern abhoben und am Ende des Skihanges landeten. Es begann eine rasante Entwicklung, die Flugdrachen wurden besser und flogen bei guter Thermik weite Strecken.
Faszinierend wurde es für mich, als neben dem Drachenfliegen ein neues Fluggerät auftauchte, das man buchstäblich im Rucksack auf den Berg tragen konnte: Der Gleitschirm begann seinen Siegeszug. Im Gegensatz zum sperrigen und schweren Drachen war das ein großer Entwicklungsschritt. Es war eine Weiterentwicklung des Sprungfallschirms. Man konnte ihn mit einem schnellen Anlauf am Berghang starten und mit ihm ins Tal fliegen. Für mich als Bergsteiger war das eine spannende Möglichkeit, vom Berg abzufliegen, ohne am nächsten Tag einen Muskelkater zu spüren. Als in der Inntalhalle ein Vortrag über das neue Gleitschirmfliegen stattfand und ich sah, wie die Sportler vom Vulkan Stromboli starteten und am Meeresstrand landeten, stand mein Entschluss fest: Ich meldete mich bei der ersten Gleitschirmfliegerschule in Österreich an. Schon nach einer Woche war ich stolzer „Pilot“.
Es folgten abenteuerliche Flüge an verschiedenen ausgewiesenen Flugbergen in den Alpen. Kameradschaften entstanden, und wir erwarteten ungeduldig das nächste Wochenende. Schöne Jahre vergingen, die Gleitschirme wurden verbessert, längere und weitere Flüge waren möglich. Aber meistens fliegt man nur an dem Berg, an dem man sein Auto geparkt hat, und kann nicht weiter wegfliegen – es sei denn, man hat einen Rückholer, so wie die Profis, die auch Wettbewerbe fliegen.
Also verfolgte ich die Entwicklung der Ultraleichtfliegerei, und wieder begeisterte mich die Aussicht auf weite Flüge von A nach B. Zumal diese leichten Flieger zu erschwinglichen Preisen zu haben waren. Es kam, wie ich es erhoffte: Den zweiten Flugschein machte ich bei einer Flugschule bei Griesau nahe Regensburg. Bei dieser Flugschule erwarb ich einen gebrauchten Flieger, nicht viel teurer als ein gebrauchtes Motorrad. Dieser „Flightstar“ ist ein leichtes, einfach zu fliegendes Gerät mit nur einem Sitzplatz. Es ist ein richtiger Dreiachser mit Höhen-, Seiten- und Querruder und einem Motor mit 30 PS. Reisegeschwindigkeit etwa 70 km/h.
Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ich Vollgas gebe, der Flieger beschleunigt und dann abhebt. Einen grandiosen Blick auf die Landschaft, die Seen und Berge hat man, wenn der Flieger immer höher steigt. Die Kamera ist immer dabei, und mit meinen Bildern kann ich vielen Interessierten unsere schöne Landschaft von oben zeigen.
Immer mehr Leute wollten Luftbilder von ihren Häusern, und so meldete ich ein Kleingewerbe „Luftbildaufnahmen Alfred Schellmoser“ an. Es folgten Aufträge auch von Firmen, Schulen und Bürgermeistern. Zusammen mit meiner Frau Gerda organisierte ich auch Ausstellungen. Im Gymnasium Raubling zum Beispiel entstand in der Aula ein großer Kreis mit Bildern, die einen Rundumblick aus einer Höhe von etwa tausend Metern zeigten, so wie ich es aus dem Flugzeug erlebte.
Die Erlöse aus dem Verkauf der Bilder deckten gerade die laufenden Fliegerkosten. So vergingen viele Jahre, Freundschaften entstanden, und wir feierten oft und gerne auf „unserem“ Flugplatz in Ödenhub bei Großkarolinenfeld, einer etwa 250 Meter langen Wiese. Als im Sommer 2023 ein Sturm um Mitternacht meinen Flieger aus seiner Verankerung riss, herumwirbelte und zerstörte, gab ich die Fliegerei auf. Ich konnte auf 25 Jahre unfallfreie Motorfliegerei zurückblicken. Eine glückliche Zeit.
Über das Projekt #CrowdsourcingRosenheim des Stadtarchivs Rosenheim kam ich in Kontakt mit Dr. Christian Höschler. Das Stadtarchiv Rosenheim ist nun an der Übernahme meiner Luftbilder interessiert. Ganz in meinem Sinne.

Luftbilder im Stadtarchiv Rosenheim
Der Kontakt zu Alfred Schellmoser entstand, wie bereits oben erwähnt, im Rahmen eines Mitmach-Projekts des Stadtarchivs Rosenheim. Bei #CrowdsourcingRosenheim (hier geht es zum Projekt) werden digital(isiert)e Archivalien online von Freiwilligen erschlossen. Im Falle von Fotografien bedeutet dies, auf den Aufnahmen sichtbare Gebäude, Straßen, Gewässer oder Stadtteile zu identifizieren – und damit neue Erschließungsinformationen zu generieren.[2]
Gerade Luftbilder stoßen bei #CrowdsourcingRosenheim auf große Resonanz. Im Sommer 2025 wurden etwa innerhalb weniger Wochen mehr als 1.000 Aufnahmen beschrieben, die Rosenheim Mitte des 20. Jahrhunderts aus der Luft zeigen. Das besondere Interesse bei diesem Bildbestand erklärt sich mitunter auch dadurch, dass die Aufnahmen einen direkten Bezug zur Lebenswelt vieler Freiwilliger aufweisen: Die Luftbilder zeigen Straßen und Häuser, in denen Menschen aufgewachsen sind, teils längst verschwundene Gebäude, ebenso aber auch unbebaute Flächen – jeweils in einem Zustand, an den sich viele Bürgerinnen und Bürger selbst erinnern können. So treffen historische Überlieferung und persönliche Erinnerung unmittelbar aufeinander.
Am Beispiel von Luftbildern zeigt sich ein besonderer Wert des Crowdsourcings bzw. der Citizen Science. Denn das Wissen über historische Aufnahmen verbirgt sich eben mitnichten allein im Archiv. Oft ermöglichen erst individuelle Ortskenntnisse und persönliche Erinnerungen die genauere Bestimmung von Bildinhalten.[3]

Fazit
Wenn Luftbilder ihren Weg in ein Archiv finden, erweitert sich ihre Funktion: Was ursprünglich als private Aufnahme, Auftragsarbeit oder Dokumentation eines gegenwärtigen Zustands entstand, kann Jahrzehnte oder Jahrhunderte später eine wertvolle Quelle für die Erforschung und Vermittlung der Lokal- und Regionalgeschichte darstellen. Die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Entstehungskontext macht zugleich deutlich, dass Luftbilder, wie alle historischen Quellen, nicht einfach gegeben sind. Sie entstehen unter konkreten Bedingungen, werden überliefert, ausgewählt, erschlossen und immer wieder neu befragt. Im Fall der hier behandelten Rosenheimer Luftbilder führt dieser Weg vom Cockpit bis ins Stadtarchiv – und von dort hoffentlich noch vielfach zurück zu den Menschen, die auf den Aufnahmen ihre eigene Vergangenheit und Lebenswelt wiedererkennen.
[1] Vgl. zu Bildquellen allgemein Peter Burke: Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen. Berlin: Wagenbach (2003).
[2] Für mehr Informationen, siehe Stadtarchiv Rosenheim: Mitmachen! Online verfügbar unter https://www.stadtarchiv.de/mitmachen.
[3] Vgl. Hendrikje Carius; Marlene Ernst; Martin Munke; René Smolarski: Gemeinsam Geschichte(n) entdecken: Stand und Perspektiven von Citizen Science in den Geschichtswissenschaften. In: Thora Herrmann, Miriam Brandt, Daniel Dörler, Florian Heigl, Christin Liedtke, Mike Martin und Aletta Bonn (Hg.): Citizen Science – Gemeinsam forschen! Berlin: Springer (2026), S. 99–112.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Christian Höschler, Alfred Schellmoser (2. Oktober 2026). Der Blick von oben: Zur Entstehung und Überlieferung historischer Luftbilder. Rosenheimer Miszellen. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16w5j
